Schnulzen vom Berg

Exilschweizer Dagobert Jäger hat sich mit melancholischem Schlager in Berlin zum Geheimtip gemausert. Ein Besuch im Hinterzimmer von jenem Café, wo alles begonnen haben soll.

Ja, Dagobert, das sei sein richtiger Name. Dagobert Jäger, um genau zu sein. Dann tippt er auf die Anstecknadel an seinem Kragen. Darauf ist das Antlitz seines Helden aus Kindertagen zu sehen. Dagobert Jäger mag Dagobert: «Die Comics sind das einzige, was ich lese.» Der 30-Jährige sitzt im Café Ribo in Berlin Mitte, wo er einst im Hinterzimmer gelebt hat, und verkündet: «Ich will genau so reich und berühmt werden wie er.» Der Anfang zumindest ist gemacht. Im Frühling ist Dagobert Jägers Débutalbum erschienen. Gerade tourt er durch Deutschland und Feuilletonisten namhafter Blätter haben nicht weniger als Lob für den Aargauer übrig.

Die Liebe versteht er

Manche ordnen seine Musik als Indie-Schlager ein, andere wollen darin ein Revival des Siebzigerjahre-Schlagers erkennen. Dagobert nennt sich lieber «der Schnulzensänger aus den Bergen». So schmalzig wie die Pomade in seinem Haar sind seine Lieder nicht. Dagobert singt mit auserlesenen Worten in eingängigen Melodien über die grossen Gefühle. «Die Liebe ist das einzige, wovon ich etwas verstehe.» Im Lied «Morgens um halb vier» philosophiert er mit schweizerisch eingefärbtem Dialekt «Ich nehm‘ dich bei der Hand und flüster‘ dir ins Ohr/bleib doch ein Leben lang, ich hab mit dir viel vor.» Er komponiert seine Stücke selbst. Das Einzige, was er dazu braucht, ist ein Computer und ein Kinder-Keyboard. Eine Ausbildung im musischen Bereich hat Dagobert Jäger nicht. Aber er sei ein disziplinierter Mensch. Die Disziplin mit der er seiner Leidenschaft frönt, will aber nicht so recht zu seinem Leben als Vagabund passen.

Arbeiten – ausgeschlossen

Früh entschied sich der Metzgerssohn, dass studieren oder arbeiten nichts für ihn sei. «Ich wollte etwas machen, wofür ich brenne», sagt er. Nach abgeschlossener Matura ist Dagobert Jäger noch weit davon entfernt. Eher durch Zufall gelangt er zur Musik, und beginnt im stillen Kämmerlein herum zu klimpern. Irgendwann reicht er einige unfertige Stücke für den Schweizer Kulturpreis ein – und gewinnt. Es folgt ein Aufenthalt in Deutschlands Hauptstadt, wo er den grössten Teil des Preisgeldes vertrinkt. Nicht weniger orientierungslos kehrt er nach einem halben Jahr in die Schweiz zurück. Die fünf darauffolgenden Jahre verbringt er im Bündner Bergdorf Panix. Ein Drei-Dutzend-Seelen-Dorf, zwei Einwohner pro Quadratkilometer. Was er dort gemacht hat? «Ich habe viel nachgedacht und komponiert.» Die Tage ähnelten sich, das Essen auch. «Die meiste Zeit habe ich mich von Reis ernährt.» Auch heute esse er fast täglich Reis, weil es gut und günstig sei. Seit dreieinhalb Jahren ist er nun wieder in Berlin. Eine eigene Wohnung hat er nicht. Meistens schläft er bei Freunden.

Eine Hipster-Ikone?

Es klingt verwegen, wenn Dagobert Jäger Dinge sagt wie: «Ich gehe oft in der Wohnung auf und ab, um meinen Kopf zu entleeren.» Oder wenn er auf die Frage, ob er nie Geld in der Tasche hatte, antwortet: «Das war schon immer so.» Klar ist, er hat eine Managerin, einen Produzenten, Menschen, die sich um sein Image kümmern. Ist er doch mehr Kunstfigur als er wahrhaben will? «Ach, das werfen mir die Leute oft vor. Aber ich bin so», sagt er und schaut auf die Strasse. Bei den Hipstern kommt er gut an. In der Grossstadt mag man Lebenskünstler mit kuriosen Biographien. «Ich weiss nicht so recht, ob ich das Wort Hipster verstehe, aber ich glaube in Berlin ist es ein Schimpfwort», sagt er. Sein klassischer Zuhörer sei übrigens kein Hipster. «Der durchschnittliche Dagobert-Fan ist männlich, Mitte vierzig und schlecht frisiert.»

Erschienen beim St.Galler Tagblatt.