«Was perfekt ist, langweilt»

Betrachten wir Gesichter, geht unser Auge auf Entdeckungsreise – und merkt sofort, ob operiert wurde. Die plastische Chirurgin Eva Neuenschwander erklärt im Interview, warum das so ist und warum Schweizer sich gerne als Naturschönheiten präsentieren.

Frau Neuenschwander ist Schönheitschirurgin bei der Klinik Pyramide im Zürcher Seefeld. Frau Neuenschwander, suchen Sie an jedem Menschen, der Ihnen begegnet, gleich die optischen Makel?

Eva Neuenschwander: Ich scanne die Menschen nicht von oben nach unten. Aber ich gebe zu, sie gerne zu betrachten. Am liebsten dann, wenn sie sich unbeobachtet fühlen und ich mich hinter der Sonnenbrille verstecken kann. Zum Beispiel im Bus auf der Fahrt vom Gate zum Flugzeug.

Was fällt Ihnen dann auf?

Neuenschwander: Es gibt eine Menge interessante Gesichter, die durch eine minimale Korrektur noch besser aussehen könnten.

Besser? Und was wäre denn perfekt?

Neuenschwander: Das eine, vollkommene Gesicht gibt es nicht. Allerdings haben schöne Menschen eines gemeinsam: Die Proportionen harmonieren.

Was meinen Sie damit?

Neuenschwander: Einmal sass eine Patientin vor mir und beschwerte sich über ihre grosse Nase. Ich verstand ihr Problem erst, als sie sich zur Seite drehte. Im Profil erkannte ich, dass die Nase wegen des fliehenden Kinns zu gross wirkte.

Wie wichtig ist für das Schönheitsempfinden die Symmetrie?

Neuenschwander: Nicht so sehr, wie viele meinen. Schaut man sich Bilder von spiegelgleichen Gesichtern an, wirken diese langweilig. Ansprechende Gesichter dagegen sind nie symmetrisch. Das Auge will auf Entdeckungsreise gehen.

Das Auge merkt in der Regel auch, wenn jemand operiert ist. Warum lassen wir uns nur schwer täuschen?

Neuenschwander: Das ist immer noch ein spannendes Rätsel. Tatsache ist, dass das Auge unbewusst so lange sucht, bis es den Fehler gefunden hat. Das ist ein Zeichen dafür, dass etwas mit den Proportionen nicht stimmt oder nicht ins Gesicht passt. Eigentlich sollte aber ein gutgemachter Eingriff nicht auffallen.

Ist es auch bei Ihren Patienten so, dass sie nicht auffallen wollen?

Neuenschwander: In der Schweiz dreht sich alles um Mässigung. So wie wir unseren Reichtum nicht zeigen, präsentiert man sich auch lieber als Naturschönheit. Kundinnen, die zu mir kommen, sagen nicht, sie wollen wieder wie zwanzig aussehen. Sie lassen sich meist nur ein wenig auffrischen.

Anders in Amerika, dort zeigt man sich gerne. Warum ist das so?

Neuenschwander: Anders als bei uns, wo man um den heissen Brei redet, sind die Amerikaner sehr offen und direkt. Das zeigt sich auch in ihrem Körperkult.

Weshalb legen sich Menschen überhaupt unters Messer?

Neuenschwander: Die Gründe sind verschieden. Trotzdem verbindet die Patienten eine Sorge: Sie fühlen sich nicht wohl im Körper.

Ob das jetzt ständig ist oder nur manchmal, in der Umkleidekabine vor dem Spiegel zum Beispiel oder mit dem Partner im Bett.

Manche betrachten ihren Körper als ewige Baustelle. Was geht in solchen Menschen vor?

Neuenschwander: Das sind Menschen, die ein extremes Bedürfnis nach Auffallen und nach Anderssein haben. Meist definieren sie sich nur über ihr Äusseres. Einige leiden auch unter dem «body dysmorphic syndrom».

Was ist das für ein Syndrom?

Neuenschwander: Die Betroffenen verspüren einen übermässigen Leidensdruck bei einem objektiv sehr geringgradigen Befund. Häufig können sie bei ihrem angeblichen Makel nicht wirklich erklären, was sie stört. Den Spiegel meiden sie, und sie sind depressiv.

Haben Schönheitsoperationen einen künstlerischen Wert oder sind es rein medizinische Eingriffe?

Neuenschwander: Etwas in der Mitte – es ist ein Kunsthandwerk. Natürlich braucht es zeichnerisches Talent und Vorstellungsvermögen.

Trotzdem darf man nie vergessen, dass eine Operation mit Risiken und Narben verbunden ist. Das wollen einige Patienten einfach nicht wahrhaben.

Erschienen beim St.Galler Tagblatt.