Über Bargeld und Würde

Gehen Sie gerne ohne Geld oder Bankkarte aus dem Haus? Ich nicht. Warum nicht? Weil ich mit Geld in der Tasche ein Stück unabhängiger durch den Tag gehe.

Nun fordert SVP-Nationalrätin Verena Herzog in einem Vorstoss an den Bundesrat: Asylsuchenden soll das Bargeld gestrichen werden. Übertitel auf Blick.ch lautet: Weil sie damit Drogen kaufen würden. Stattdessen sollen sie eine Bezahlkarte nutzen, welche aber kein Geld am Bankomat ausspuckt. Kurz erklärt: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Ich mache kurz einen Realitätscheck. Wir sind noch nicht im bargeldlosen Zeitalter angekommen. Beispiele?

  • Am Hauptbahnhof Zürich braucht es Münz, um die Toilette nutzen zu können.
  • In vielen Bars und Take Aways muss man bar zahlen oder es gibt eine Mindestkonsumation auf Kartenzahlungen.
  • An Strassenfesten, Chilbis, Marktständen und Outdoor-Veranstaltungen gilt – nur Bares ist Wahres
  • Viele Zigi-Automaten sind noch nicht auf EC-Kärtli umgerüstet.
  • Und manchmal ist am Billett-Automat die Kartenfunktion out of order.

Und denken Sie nicht im Traum daran, dass Zigis, Bars und Strassenfeste, Asylsuchenden nicht zustehen dürfen. Während Sie sich mit Familie oder Freunden – und einer Flasche Rotwein auf dem Tisch – gackernd einen lustigen Abend machen. Gleiches Recht für alle!

Durch eine Bezahlkarte wird der Bewegungsradius von Asylsuchenden eingeschränkt und (möglicherweise) kontrolliert. Zu viel Bevormundung ist schlecht für die Integration.

Erinnern Sie sich, als Sie das erste Taschengeld bekamen? Das roch nach Freiheit.

Jeder, der mal länger arbeitslos oder in prekären finanziellen Verhältnissen war, weiss: Um am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können, braucht es Geld. Am besten Bargeld.

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