Glücklich werden stresst

Schluss mit Optimierungswahn, falscher Höflichkeit und dem Kampf um die Traumfigur. Eine neue Art von Ratgeberliteratur propagiert: Bleiben Sie so schlecht, wie Sie sind.

Es gibt diese Tage, da würde man gerne aus seinem eigenen Leben abhauen. Funktioniert nur leider nicht. Selbst lange Reisen oder ayurvedische Yoga-Ferien machen das eigene Leben allerhöchstens kurz- bis mittelfristig etwas besser. Aber das Gefühl sich ausklinken zu wollen, ist legitim. Denn es wird viel von uns erwartet. Bei der Arbeit funktionieren, privat präsent sein, Freunde treffen, Sport machen, das Heim zeitgemäss dekorieren, modisch bleiben. Glücklich werden kann stressen, wenn man es auf Teufel komm raus in allen Bereichen werden will.

Happiness-Stress in Buchform

Auch Ratgeber aus der Sparte Lebenshilfe verlangen nach dem ersten, euphorischen Blättern viel von uns ab. Man soll auf seine innere Stimme hören, in der Balance bleiben, Beziehungskonflikte sachlich in der Ich-Form formulieren. Man soll seiner Gesundheit zuliebe den Tag mit einem Glas lauwarmem Wasser beginnen, angereichert mit einigen Spitzern Zitronensaft. Die Enttäuschung, wenn es nicht gleich lehrbuchmässig mit der Umsetzung klappt, ist vorprogrammiert. Doch wer stellt eigentlich diese hohen Erwartungen an uns?

Julia Onken, lebenserfahrene sowie langjährige Psychotherapeutin, sagt: «Wir wollen geliebt werden. Deshalb wollen wir Wünsche und Erwartungen, die an uns gestellt werden, möglichst auch erfüllen.» In ihrer Romanshorner Praxis erkennt die 74-Jährige eine Gemeinsamkeit bei ihren Patienten: «Fremden Ansprüchen und Erwartungen genügen wollen, setzt Menschen unter Druck.» Auch die Ansprüche an sich selbst würden hoch geschraubt: «Profitoptimierung hat sich längst auf alle Lebensbereiche der Menschen übertragen. Es soll höher, schneller, weiter gehen.»

Nun blasen Bücher wie «Ich bleibe so scheisse, wie ich bin» von Rebecca Niazi-Shahabi oder «The Life-Changing Magic of Not Giving a F*ck» von Sarah Knight zum Angriff gegen den Happiness-Stress. Knights Buch (auf Deutsch unter dem Titel «Not Sorry» erschienen) schoss in ihrem Heimatland USA durch die Decke, weil sie rät, was viele nicht zu tun wagen: «Vergeuden Sie Ihr Leben nicht mit Leuten und Dingen, auf die Sie keine Lust haben.» Die Mitvierzigerin hat letztes Jahr ihren gut bezahlten Job in einem Verlagshaus geschmissen, nachdem sie dauergestresst und panisch wurde durch die vielen beruflichen und privaten Verpflichtungen. Sie hat ihr Leben ausgemistet. Zuerst kamen die Dinge, dann die Tätigkeiten und dann die Freunde weg, die ihr nicht mehr gut taten. Mit jedem höflichen «Nein» fühlte sie sich leichter und selbstbewusster. Heute lebt sie mit ihrem Mann abwechselnd in New York und der Dominikanischen Republik und arbeitet als freie Autorin. Ja, so kann’s auch gehen.

Anstatt uns weiter zu steigern, zu optimieren, oder nach Perfektion zu streben, konzentrieren sich diese neuen Ratgeber im Umkehrschluss aufs Weglassen und Neinsagen. Ziel ist es, wieder zu seinen eigentlichen Bedürfnissen zurückzukehren und sich an erste Stelle zu setzen – ohne schlechtes Gewissen. Das heisst zum Beispiel, den Samstagabend nicht mit einem steifen Abendessen zu verschwenden. Stattdessen können Sie in Jogginghosen vor dem Fernseher einen gemütlichen Abend machen, wenn es das ist, was Sie gerade brauchen.

Keine Kontrolle darüber, was andere von uns denken

Klingt einfach, ist aber sauschwer. Weil wir es uns nicht gewohnt sind, höflich «Nein» zu sagen zu Dingen, Verpflichtungen und Menschen, die uns unsere Zeit stehlen. Weil wir uns zu sehr darum kümmern, was andere über uns denken, so der Tenor der Anti-Ratgeber. «Dabei haben Sie sowieso keine Kontrolle darüber, was andere über Sie denken. Es ist schlicht verschwendete Energie», schreibt die Autorin Sarah Knight.

Auch Therapeutin Onken empfiehlt, wieder mehr Selbstverantwortung zu übernehmen. Und gelegentlich innezuhalten, um dankbar zu sein für das Leben, das man hat. Neben ihrer lehrenden und therapeutischen Tätigkeit schreibt auch Julia Onken Ratgeberliteratur, etwa zu den Themen Glück, Paarbeziehungen und Feminismus. Eine dogmatische Einbahnstrasse sind ihre Bücher aber nicht: «Ich versuche lediglich, Impulse zu vermitteln, um einen guten Selbstkontakt herzustellen.»

Anti-Ratgeber funktionieren also so, wie wenn Sie Ihr Zuhause entrümpeln. Am Anfang tut es weh, sich von vermeintlich Unabdingbarem zu trennen. Fangen Sie aber erst mal an, gibt es kein Halten mehr, und am Schluss fallen Sie erschöpft, aber glücklich aufs Sofa.

Sarah Knight: Not Sorry. Ullstein 2016, 224 S., Fr. 21.–
Erschienen beim St.Galler Tagblatt